Der Luftballon

Das war wohl nicht nach deinem Sinn,
o weh, mein kleiner Hans!
Da fliegt dein Luftballon dahin
im Morgensonnenglanz.

Und alle Leute um und um,
sie stehn und sehn empor
und freun sich gar und lachen drum,
daß Hänschen ihn verlor.

Da geht er ab und segelt fort,
empor mit leichtem Flug
und sucht sich einen andern Ort –
die Welt ist groß genug.

In blaue Luft steigt er gemach,
und unerreichbar fern verstrahlt
er überm Kirchendach
als wie ein roter Stern.

Nach Süden segelt er geschwind,
zum fernen Afrika,
wo all die andern Menschen sind,
und bald ist er schon da.

Wie dann sich wohl die Menschen freun,
und alles tanzt und springt,
wenn übermorgen um halb neun
er dort heruntersinkt!

(Heinrich Seidel)

Hyperion an Bellarmin

Lieber! was wäre das Leben ohne Hoffnung?

Ein Funke, der aus der Kohle springt und verlischt, und wie man bei trüber Jahrszeit einen Windstoß hört, der einen Augenblick saust und dann verhallt, so wär’ es mit uns?

Auch die Schwalbe sucht ein freundlicher Land im Winter, es läuft das Wild umher in der Hitze des Tags und seine Augen suchen den Quell. Wer sagt dem Kinde, daß die Mutter ihre Brust ihm nicht versage? Und siehe! es sucht sie doch.

Es lebte nichts, wenn es nicht hoffte. Friedrich Hölderlin

Unterwerfung

Huch, ich wollte ja so gerne mitmachen beim Bloglesekreis zu Michel Houellebecqs Unterwerfung, weil ich das Buch immerhin nicht nur auch gelesen habe sondern sogar gleich zwei Mal. Einmal im Urlaub und einmal in unserem wöchentlichen Vorlesetreff. Und nun habe ich doch glatt vergessen, etwas zu schreiben. Das liegt aber vor allem daran, dass davon nicht allzu viel hängen geblieben ist. Und was soll man auch schon groß schreiben, wenn man wie ich weder viel Ahnung von Politik noch vom Islam hat.

Es ist also ein politisches Buch. Und es geht um den Islam. Und besonders beim Vorlesen war es sehr sehr anstrengend zu lesen und zog sich arg in die Länge. Obwohl das skizzierte Szenario einer muslimischen Vereinigung, die an die politische Macht eines Frankreichs im Jahr 2022 (?) gelangt durchaus Futter für Spannung liefert. Dieses Was-wäre-wenn-Denken gefällt mir sehr und ich dachte immer mal wieder „Hmm, sooo unwahrscheinlich ist das alles wahrscheinlich nicht.“ Zumindest grundsätzlich. Da lohnt sich also das Lesen und die Auseinandersetzung damit durchaus. Neben Politik, Islam, Essen und Trinken und jeder Menge französischen (Straßen-)Namen (die übrigens richtig nervig sind beim Vorlesen, wenn man kein Franzose ist) sind Frauen ein weiteres Hauptthema. Und die Art und Weise und Detailverliebtheit, mit welcher Houellebecq immer wieder beschreibt, wie der Protagonist seine Studentinnen und andere Frauen vögelt und sie damit durchaus erniedrigt ist schlicht ermüdend. Ja sehr ermüdend. Aber die Seiten kann man ja zur Not überspringen.

Hier geht’s zu den anderen Lesern und Leserinnen:

P.S.: Ich finde das Buchcover sehr sehr geil. Das muss auch mal gesagt werden! Man kann Bücher auch lesen, weil das Cover einen packt.

Narziß und Goldmund

Denn indem ein Mensch mit den ihm von Natur gegebenen Gaben sich zu verwirklichen sucht, tut er das Höchste und einzig Sinnvolle, was er kann.

Narziß 2

Es ist nicht unsere Aufgabe, einander näherzukommen, sowenig wie Sonne und Mond zueinander kommen oder Meer und Land. Wir zwei, lieber Freund, sind Sonne und Mond, sind Meer und Land. Unser Ziel ist nicht, ineinander überzugehen, sondern einander zu erkennen und einer im andern das sehen und ehren zu lernen, was er ist: des anderen Gegenstück und Ergänzung.

Ich habe es endlich durch! Mein erstes Hörbuch (nach einem gescheiterten Anlauf). Das Lustige ist, dass ich nie so der Hörbuchtyp war, ganz einfach weil ich schon immer viel, gern und schnell gelesen habe und ich kein auditiver Lerntyp bin. So gar nicht. Das bedeutet, dass ich echt Schwierigkeiten habe, einem rein akustischen Einfluss längerfristig zu folgen; mich darauf zu konzentrieren. Ich brauche Bilder. Und das gedruckte Wort ist ja auch ein Bild. Aber ich muss sagen, seit ich Vollzeit arbeite (na gut, eigentlich schon seit ich im Studium mehrere hundert Seiten Seminartext wöchentlich lesen musste) ist das mit dem Lesen irgendwie grundsätzlich zu kurz gekommen. Das ist irgendwie so schade, weil das tatsächlich fehlt. Aber nach einem langen Arbeitstag am Bildschirm sind meine Augen abends viel zu müde, als dass ich mich noch ausreichend lange durch Buchseiten wälzen könnte.

Wach nenne ich den, der mit dem Verstand und Bewußstsein sich selbst, seine innersten unvernünftigen Kräfte, Triebe und Schwächen kennt und mit ihnen zu rechnen weiß.

Nungut, ich also ein Hörbuch angefangen. Hesses Meisterwerk „Narziß und Goldmund“. Hatte ich noch nicht gelesen, obwohl ich als Hesse-Fan tatsächlich die meisten viele Werke gelesen habe, manche mehrmals. Hach, und jetzt bin ich verliebt! In Hesses Schreibweise (mal wieder), in die Stimme von Ulrich Noethen (der liest das ganz zauberhaft) und auch ein bisschen ins Hörbuchhören allgemein. Obwohl ich mich da wirklich trainieren muss(te)!

Also wirklich ZUZUHÖREN. Nicht nur irgendwie hören. Und halt auch den Kopf nicht abschweifen zu lassen und so. Weil sonst kriegt man ja nur die Hälfe mit. Am Anfang waren es immer nur die 30 Minuten vorm Einschlafen, jetzt ist es schon Sonntag Nachmittag beim Stricken oder mal beim Geschirrspülen.

Achso und zum eigentlichen Inhalt kann ich nur sagen: Lesen und/oder hören lohnt sich! Das Prinzip der Gegensätze, der freiheitsliebende Goldmund und der sicherheitsorientierte Narziß – beide ihren Bestimmungen oder Erfüllungen folgend – das alles ist schon ganz ganz fein. Und auch wie Goldmund sich auf die Suche nach sich selbst begibt, hat mich berührt. Ich weiß gar nicht, ob das schon Dichtung ist, aber es schwebt ganz fein dahin, wie ein Blütenduft, nur eben in Wortform.

Was wäre Vernunft und Nüchternheit ohne das Wissen vom Rausch, was wäre Sinnenlust, wenn nicht der Tod hinter ihr stünde, und was wäre Liebe ohne die ewige Todfeindschaft der Geschlechter?

Lesetreff

Die Idee eines regelmäßigen Lese- bzw. Vorlesetreffens mit Freunden schwirrt schon länger in meinem Kopf herum. Eigentlich schon seit Jacob, Aaron und ich einmal im Urlaub vor ein paar Jahren dazu übergegangen sind, statt jeder für sich selbst einfach ein Buch gemeinsam laut zu lesen. Das war irgendwie so schön und verbindend, dass ich seitdem die Idee im Kopf habe, das regelmäßig (z. B. wöchentlich) stattfinden zu lassen. John Irvings Hotel New Hampshire haben wir leider nie ganz durchgelesen, aber das lag nicht an der Sache an sich oder dass es etwa langweilig geworden wäre, sondern eher daran dass Leipzig so weit weg ist.

Nun haben wir es aber in Angriff genommen (oder besser gesagt Jacob hat meine Idee endlich mal zur Umsetzung gebracht), einen wöchentlichen (Vor)Lesetreff zu starten – quasi eine Art Live-Hörbuch. Heute war das erste Treffen bei Jacob und Jule und seitdem weiß ich auch wieder, warum ich das damals so toll fand: Es ist nämlich herrlich entspannend, so gemeinsam zu lesen und auch interessant, weil unterschiedliche Menschen auf Textstellen unterschiedlich reagieren. Und man kann sich austauschen und man kann vielleicht auch einfach nur zuhören oder lesen und fühlt sich aber in Gemeinschaft.

Außerdem ist die erste Überwindung des selber laut Vorlesens für mich immer wieder eine kleine Herausforderung, selbst wenn es nur vor zwei guten Freunden ist und da jegliche Nervosität natürlich völliger Quatsch ist. Und ich kann ja auch gut lesen. Aber dennoch: Kurzzeitig kriege ich Herzklopfen und feuchte Hände, alle Ohren sind auf mich gerichtet und in dieser abwartenden Stille erscheint mir die eigene Stimme plötzlich unangemessen laut oder nervös. Das legt sich dann nach ein paar Sätzen und ein paar tiefen Atemzügen relativ schnell, aber diese körperliche Reaktion auf die plötzliche Fokussiertheit auf mich alleine – dieser Adrenalinstoß überrascht mich immer wieder auf’s Neue. Bin ich schließlich sonst so gar nicht auf den Mund gefallen. Witzig!

Ein toller erster Treff, ich freue mich schon darauf, diese Idee zu einer regelmäßigen Institution gedeihen zu sehen. Vielleicht werden es auch noch mehr MitleserInnen mit der Zeit. Gelesen wird übrigens Unterwerfung von Houellebecq und wir haben heute im dreistündigen Treffen (bei dem wir auch noch gequatscht und gegessen haben) um die 90 Seiten geschafft. Hach das wird toll, ich werde weiter berichten.

Der Junge im gestreiften Pyjama

Erneute Gefechte im Gazastreifen nach monatelanger Waffenruhe, Schießereien und Geiselnahmen durch Terroristen in Frankreich und demonstrierende Anhänger der neuen rechtspopulistischen Bewegung PEGIDA.
Die Welt scheint völlig aus den Fugen zu geraten. Bei all diesen Ereignissen spielen Intoleranz, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus eine wesentliche Rolle und das ist mehr als besorgniserregend.
Allzu passend erschien mir ein filmisches Abendprogramm, das daran erinnert, welche verheerenden Ausmaße radikale Ideologien annehmen können.

Der Junge im gestreiften Pyjama ist ein großartiges Buch. Das sollte man gelesen haben. Habe ich auch bereits. Und man kann nicht drüber schreiben. Weil man sonst spoilern würde und man dieses Buch mit möglichst wenig Vorwissen lesen sollte. So schreibt der Fischer-Verlag im Klappentext:

Die Geschichte von »Der Junge im gestreiften Pyjama« ist schwer zu beschreiben. Normalerweise geben wir an dieser Stelle ein paar Hinweise auf den Inhalt, aber bei diesem Buch – so glauben wir – ist es besser, wenn man vorher nicht weiß, worum es geht. Wer zu lesen beginnt, begibt sich auf eine Reise mit einem neunjährigen Jungen namens Bruno. (Und doch ist es kein Buch für Neunjährige.) Früher oder später kommt er mit Bruno an einen Zaun. Zäune wie dieser existieren auf der ganzen Welt.

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Ich wusste bis eben gar nicht, dass das Buch auch verfilmt wurde. Danke, Watchever! Der Film kommt leider nicht an die kindlich naive Erzählweise des Buches heran – die Spanne zwischen der Unbeschwertheit der Perspektive eines Kindes und der Tragik der Ereignisse ist somit nicht vergleichbar mit der des Buches. Dennoch hinterlässt auch der Film blankes Entsetzen. Und das ist gut so! Ich möchte nicht weiter spoilern, ich kann nur sagen: Lesen und anschauen!
Sowas darf nie nie nie wieder passieren. Nicht mal annähernd. Und dafür zu sorgen ist unsere verdammte Pflicht!

Schornsteinfegerglück

Heute war der Schornsteinfeger zu Besuch; natürlich um den Kaminabzug zu überprüfen. Der Winter kommt schließlich bestimmt noch irgendwann. Ich bin gespannt was dran ist an dem Aberglauben, dass Schornsteinfeger einem Glück für’s neue Jahr bringen.

Jedenfalls musste ich ein bisschen nachdenken über den Begriff Glück und glücklicherweise (hihi) fiel mir wieder ein, dass ich mal ein ganz fantastisches Buch zum Thema gelesen habe. Nämlich Paul Watzlawicks Anleitung zum Unglücklichsein. Wo andere einen Ratgeber schrieben, wie man es schafft glücklich zu leben, verfasste Watzlawick das komplette Gegenstück. Wie man es immer wieder schafft, sich das Glück zu vermiesen. Und das ist herrlich zu lesen, besonders wenn man sich als ostwestfälische Meckernatur des Öfteren ziemlich deutlich angesprochen fühlt.

Lesenotiz Paul Watzlawick

Ein paar meiner Lieblingsauszüge…

»Nichts ist schwerer zu ertragen als eine Reihe von guten Tagen.«

Das ist eigentlich der Aufhänger des Ganzen. Die Arbeitsthese wenn man so will. Über was soll man denn auch stöhnen und sich beschweren, wenn alles gut läuft. Man bekäme weniger Aufmerksamkeit, dadurch weniger Bestätigung und dann wäre wiederum nichts mehr gut.

»Zu lange hat man uns eingeredet – und wir haben treuherzig geglaubt –, daß die Suche nach dem Glück uns schließlich das Glück bescheren wird.«

Für mich eine ziemlich wichtige – wenn auch nicht neue – Erkenntnis: Suche nicht, finde! Oder auch: Der Weg ist das Ziel.

»Im Leben gibt es zwei Tragödien. Die eine ist die Nichterfüllung eines Herzenswunsches. Die andere ist seine Erfüllung.«

Wie wahr, wie wahr! Viel zu oft wünscht man sich etwas von ganzem Herzen, kann an nichts anderes mehr denken, und kaum hat man es (gehabt), ist der Reiz weg. Schokolade zum Beispiel.

Besonders fantastisch (soweit ich mich erinnere) fand ich allerdings Watzlawicks Ausführungen zum Thema Liebe und Beziehungen. Nämlich, dass Liebende sich selbst doch immer wieder ad adsurdum führen.

»…die Liebe als einen vergeblichen Versuch, eine Freiheit als Freiheit zu besitzen.

So verlangt der Liebende den Schwur und ist über den Schwur unglücklich.«

»Er will von einer Freiheit geliebt werden und verlangt, daß diese Freiheit als solche nicht mehr frei sei.«

Ich kenn das nur zu gut. Man will beispielsweise, dass der Partner Zeit mit einem verbringt. Aber wenn er das tut, weil man danach fragt, ist es auch nicht richtig. Und selbst wenn er das von sich aus tut, wird man das Gefühl nicht los, dass dem nur so ist, weil er denkt, dass man es von ihm erwartet. Irgendwie ein Teufelskreis. Es ist schon schwer, es sich gegenseitig recht zu machen. Folgt man Watzlawicks Theorien, ist das sogar unmöglich. Und dann ist die Lösung eigentlich einfach: Man könnte versuchen aufzuhören, es dem anderen ständig recht machen zu wollen. Erstmal bei sich selbst schauen, die eigenen Bedürfnisse erkennen und akzeptieren. Unabhängig von einem anderen. Wenn ich Lust habe ins Kino zu gehen, sollte diese Lust nicht weniger werden, nur weil ein anderer keine Lust drauf hat. Naja, finde ich jedenfalls.

»Man suche sich den Partner, der durch sein So-sein das eigene So-sein-Wollen ermöglicht und ratifiziert, doch hüte man sich auch hier vor dem Ankommen am Ziel.«

Das ist auch lustig. Geht man davon aus, dass man jemanden mag, weil dieser erstens einen selbst spiegelt und auf der anderen Seite so ist, wie man selbst gerne wäre – und geht man weiter davon aus, dass sich Partner mit der Zeit immer ähnlicher werden, kann das irgendwann ein Problem werden. Weil man nämlich selten so ist, wie man gern wär. Und dann hat man ein Gegenüber, welches genau diese Tatsache irgendwann wiederum spiegelt.

Jetzt habe ich mich selbst verwirrt und kann nicht mehr folgen. Aber verstanden habe ich es, glaube ich.

»Nichts in der Welt hat Bestand, immer folgt Ebbe den Fluten.«

Das würde ich gern als letzten Satz stehen lassen aber muss betonen: Das klingt nur auf den ersten Blick negativ. Wenn man sich das klarmacht, wird eigentlich alles klar. Irgendwie. Das ist nämlich total positiv, wenn man es nur richtig versteht.

Traumnovelle

© Marlies Schwarzin / pixelio.de

Für die Uni musste ich Arthur Schnitzerls Traumnovelle lesen und meinen Leseeindruck formulieren. Da ich das Buch innerhalb eines Nachmittags geradezu verschlungen habe, will ich das hier auch festhalten. Quasi als dringende Leseempfehlung, wenn man so will.

Obwohl Schnitzlers Traumnovelle nur rund 90 Seiten umfasst, ist sie trotzdem eine spannende, facettenreiche Erzählung, die ich kaum aus der Hand zu legen vermochte. Schnitzler formuliert zumeist detailgetreu die Geschehnisse und die inneren Empfindungen der Protagonisten und schafft ein herausragendes Leseerlebnis über die Gebundenheit der Gedanken und Bedürfnisse an eine gewisse Moral (innerhalb der Institution Ehe).

Die beiden Protagonisten, Albertine und Fridolin, führen zu Beginn der Erzählung ein recht harmonisches Eheleben zusammen mit ihrer 6-jährigen Tochter. Die Harmonie gerät ins Wanken, nachdem sie zusammen auf einem Maskenball waren, bei welchem sie mit anderen flirteten. Im Anschluss an diesen Abend erleben sie eine heiße Liebesnacht miteinander. Dieses Erlebnis stürzt beide in eine Krise und der Beginn dieser Krise brachte mich bereits zum Nachdenken über die Vorstellungen von Moral und (Un-)Treue:

Können Fantasien und Träume verwerflich oder unmoralisch sein, solange sie bloße Fiktion bleiben? In Albertines und Fridolins Fall können beide nicht mit den Fantasien des jeweils anderen umgehen und versuchen den Konflikt zu lösen, indem sie sich vornehmen, sich von nun an alles zu erzählen. Der weitere Verlauf ist nicht weiter verwunderlich: Durch das Wissen um die Träume des anderen, wird die Krise nicht besser, sondern verschlimmert sich zusehends.

Besonders Fridolin kann als Ehemann nur kaum verkraften, dass seine Frau erotische Fantasien mit anderen Männern hat und diese Tatsache offen zugibt, wenngleich sie ihm klarmacht, dass sie sich ihm näher fühlt, als je zuvor. Fridolin ist eifersüchtig und gönnt seiner Frau ihre Träume nicht, obwohl er mit den gleichen Empfindungen zu kämpfen hat. Ein typisch männliches Problem, könnte man finden. Auch Fridolins Reaktion auf seine Eifersucht, nämlich der Plan, nun tatsächlich fremd zu gehen um sich an seiner Frau zu rächen ist wohl eine Reaktion verletzter männlicher Eitelkeit.

Der Plan schlägt zwar fehl, aber Fridolin wird Teil eines skurrilen Maskenballs: Ein furioses und groteskes, erotisches Abenteuer. Dieser Abschnitt der Novelle wird von Schnitzler besonders detailgetreu – geradezu detailverliebt – beschrieben, wodurch ich als Leser das Gefühl hatte, Teil der Handlung zu werden. Ich konnte die nächtliche Odyssee nicht nur von außen beobachten, sondern die erotische Spannung des Balls geradezu spüren. Im Vergleich zu den vorigen und nachfolgenden Passagen wurde mir besonders der Unterschied zwischen dem bürgerlichen, spießigen Leben und erotischer Leidenschaft deutlich, welcher vermutlich auch von Schnitzler beabsichtigt war. Auf mich wirkten die Erlebnisse und Geschehnisse der Nacht die ganze Zeit über wie ein Wechselspiel zwischen Traum und Realität, manchmal war nicht deutlich erkennbar, was bloßer Wunsch bleibt, und was real wird. Vermutlich nicht zuletzt untermauert zum einen durch den Titel Traumnovelle sowie durch die Tatsache, dass die Novelle mit einer Gut-Nacht-Geschichte startet und mit einem neuen Morgen beginnt.

„… und daß jede dieser Unverhüllten doch ein Geheimnis blieb und aus den schwarzen Masken als unlöslichste Rätsel große Augen zu ihm herüberstrahlten, das wandelte ihm die unsägliche Lust des Schauens in eine fast unerträgliche Qual des Verlangens.“

 

Das Ende der Novelle, bei welchem sich die Ehepartner von nun an traumlos nah sind, fand ich enttäuschend: Ich erwartete eigentlich eine harte Kritik an der Institution Ehe mit ihren Einschränkungen von Träumen und Wünschen, welche nunmal jeder – auch verheiratete – Mensch hat. Eine Trennung als logische und ehrliche Konsequenz der Krise hätte mir persönlich besser gefallen, da es fraglich bleibt, ob die beiden emotional je wieder zu einem erfüllenden Eheleben zurückkehren können. Das Ende wirkte auf mich jedoch auch wie eine Art Rollentausch, welcher mir gut gefiel: Es scheint als habe Albertine daraus gelernt, dass es manchmal nicht gut ausgeht, wenn man sich alles erzählt und so erwartet sie von ihrem Ehemann ein Schweigen. Vielleicht aus der Gewissheit heraus, dass es sie ohnehin zu sehr verletzen würde, seine Wahrheit zu hören? Alles in allem hätte ich mir einen Ausgang gewünscht, bei welchem die Ehepartner die Bedürfnisse und Fantasien des anderen schlichtweg akzeptieren und trotzdem miteinander zufrieden sind. Jeder ist in seinen Gedanken frei und mit diesem Wissen sollte man auch seinem Partner zumindest diese Freiheit bewahren – Ehe hin oder her!