Löcher im Zaun

Kettcar im Ringlokschuppen Bielefeld. Marcus Wiebusch ist kein sonderlich begnadeter Sänger. Live gesungen sind einige Töne sogar ziemlich grenzwertig. Aber Kettcar gehen nicht auf Tour, um den ersten Preis bei einem Gesangswettbewerb abzuräumen. Sie erzählen Geschichten, als hätte jede dieser Geschichten die Chance, die Welt Schritt für Schritt ein bisschen besser zu machen.

Es ist also nicht verwunderlich, dass das sonst ja schon aus Prinzip eher verhaltene Bielefelder Publikum* den lautesten Applaus für das wichtigste Statement des Abends gab…

„Mein Gott, was durften wir uns alles über den Song anhören, wie er nun gemeint ist und wie nicht“, leitet Marcus Wiebusch ein und dann weiter „Ich möchte heute hier noch einmal die Gelegenheit nutzen, um ganz genau klarzustellen, was wir sagen wollen mit dem Song! Wir möchten alle daran erinnern, von Nord nach Süd von Ost nach West, dass es ein zutiefst menschlicher Akt ist, anderen Menschen durch einen Zaun zu helfen!“

„Humanismus ist nicht verhandelbar!“

Es ist also noch nicht alles verloren, wenn sich an einem Abend wie heute alle ganz schön einig sind bei so wichtigen Themen.

Kettcar schaffen es seit Jahren, gegenwärtige Themen mit einer unfassbaren Leichtigkeit musikalisch zu skizzieren. Gesellschaftskritisch oder zwischenmenschlich motiviert, aber nie mit altbekannten Phrasen oder langweiliger Hollywood Romantik künstlich aufgefüllt. Offensichtliches Fingerpointing bleibt immer aus, alles wird in mikrokosmische Romane verpackt. So merkt man manchmal erst nach mehrfachem Hören, dass ein Song gar nicht ein Anti-Fußball-Song ist, sondern eine Abrechnung mit „den Spinnern von der AfD und Pegida und wie sie alle heißen“.

Manche sagen es wär einfach,
ich sage es ist schwer
Denn du bist Audrey Hepburn
und ich Balu der Bär

Der Kritik von Konzertgängern, dass die Übergänge zwischen den ernsten politischen Songs und den Liebessongs zu hart und unpassend seien, kann Marcus Wiebusch nur entgegnen „Wir sind eine Band! Mit vielen verschiedenen Themen! Und wir spielen so lange weiter, bis irgendwann keinem mehr der Unterschied zwischen den Politik-Songs und denen über Liebe auffällt!“.

Jeder liebt den, den er will
und der Rest bleibt still!

Und so singt er eben über den Bären Balu aus Wanne-Eickel und einige Zeit später gegen Homophobie im Fußball. Weil beides wichtig ist, die Liebe und das Große Ganze™.

Irgendwann ist irgendwie
ein anderes Wort für nie.

Bei der Suche nach den offiziellen Musikvideos hab ich dann noch ein historisches Video gefunden. Kettcar bei Anne Will, als Anne Will noch nicht Anne Will war, sondern bei den Tagesthemen.

Mach immer, was Dein Herz Dir sagt.

(ben hat es übrigens bereits ‏vor 15 Jahren gewusst)

* Das Publikum. In Bielefeld geht man nicht zu einem Konzert, um mitzutanzen, mitzusingen oder die Band anzufeuern und mit Applaus und guter Stimmung zu belohnen. Man hat ja immerhin schon die Karten bezahlt (und auch nicht allzu wenig), das muss dem Künstler doch reichen, also bewegen muss da ja wohl nicht auch noch sein. Man starrt angewurzelt Richtung Bühne und lässt sich erst gegen Ende der Zugabe mal zu einem etwas lauteren Applaus bewegen. Aber bloß nicht tosend, das lenkt nur ab! Auf den Ostwestfalen-unerfahrenen Künstler mag es so wirken, als hätte das Publikum keinen Spaß. Fragt man sich aber am nächsten Tag im Büro, wie denn das Konzert so war, bekommt man ein äußerst euphorisches „Joa. Gut!“ als Antwort. Und mehr kann man ja nun wirklich nicht von einem erwarten bei den Ticketpreisen. Ich muss dann immer an Bosse denken: „Die Band zieht sich aus für Dich und Du bewegst Dich nicht!“

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Perspektivwechsel

Immer wenn ich mit dem Zug über das Schildescher Viadukt fahre, bewundere ich die Schönheit dieser Landschaft – ein idyllisches Kleinod so kurz vor dem Hauptbahnhof.
Jetzt, da ich mit dem Hund des Öfteren durch ebendiese Landschaft schlendere, fällt mir auf, wie sehr die durchrauschenden Züge die Idylle stören.
Es ist eben alles eine Frage der Perspektive.

Keine schönen Aussichten

Oh Bielefeld! So sehr ich Dich auch liebe und heimatvernarrt bin, so sehr mag ich Dich auch manchmal nicht.

Möchtest Du doch so gerne als Großstadt wahrgenommen – vielmehr noch ernstgenommen – werden, gibst Dich aber zeitweise allzu provinziell. Besonders, wenn es um ein bisschen Leben in der Stadt geht. Sei es der Klosterplatz, der sukzessive und geplant durch das Bahnhofsviertel abgelöst wird, sei es das Kamp, das schließt oder sei es die schöne, neue Schöne Aussicht, die so schnell nun doch nicht öffnen wird. Vermutlich gar nicht.

Und immer wieder sind es Anwohner, die sich über Lärm beschweren. Teilweise (wie in letzterem Fall) sogar über potenziellen Lärm. Lärm, den ein Sandkasten im Garten eines Cafés machen könnte.

Ich fall vom Stuhl! Die fliegenden Bierflaschen vorm Kamp – ok, fair enough, wär mir auch zu laut vielleicht. Wobei ich dann halt einfach das Fenster und die Augen zumache und mich nicht bei der Stadt beschwere, dass es dort, wo ich wohne, zu laut ist.

Dann ziehe ich da halt nicht hin! Ich selbst wohne an der Rußheide… Man kann sich gar nicht vorstellen, wie laut das ist, wenn die Bulldogs spielen. Und das auf nem Sonntag-Nachmittag, wo ich eigentlich einfach nur meine Ruhe will. 

Äh ja nee. Dann wohn ich nicht inner Stadt, ihr Lieben! Dann zieh ich gefälligst aufs Land. Da kann man sich dann in aller Ruhe übers Vogelzwitschern beschweren, vielleicht werden die auch abgeschafft dann, die bösen lauten Piepmätze.

Boah. Geht nach Hause mit eurem Provinzdenken, ihr gepuderten Heinis aus dem Musikerviertel.

Nachtansichten

Gestern waren mal wieder Nachtansichten in Bielefeld, ein Event das nunmehr seit 13 Jahren die Stadt einen Abend lang mit Menschenmassen füllt. Ich muss mich wirklich jedes Mal fragen, wo denn die ganzen Menschen eigentlich her kommen und vor allem, wo die sonst so sind. Dann, wenn zwar auch eine Menge geboten wird, aber eben nicht feinsäuberlich ausgeleuchtet.

Ich will gar nicht zu zynisch klingen, es ist aber so, dass ich diese ganze Veranstaltung durchaus zwiegespalten sehe. Einerseits ist es toll, dass das kulturelle Angebot Bielefelds mal gebündelt einer breiteren Masse präsentiert wird. Kultur wird mainstreamfähig, was an sich keine schlechte Sache ist. Wenn ein jeder fasziniert feststellen kann: »Wow! So kreativ und vielseitig ist diese Stadt?! Wahnsinn!« Das tut ja allen gut.

Was mir aber gestern Abend vor allem begegnete, waren gestresste Menschen. Wirklich gestresste Menschen! Da wird das Programm akribisch studiert und ein Plan erarbeitet, wie man in möglichst kurzer Zeit, möglichst viel zu sehen kriegt. Schließlich hat man 8 € bezahlt, da möchte man auch schon was geboten bekommen. Kultur am Fließband. Möglichst schnell, möglichst billig.

Das führt aber leider ein bisschen dazu, dass nichts von dem Gesehenen so wirklich bewusst wahrgenommen wird. Statt das, was man gerade bestaunt oder behört, mal wirklich bewusst auf sich wirken zu lassen und zu genießen (wie es in meinen Augen mit Kultur, Musik, Kunst der Fall sein sollte, denn dazu ist das schließlich irgendwie da) zählt nur noch das Schnell-Weiter. Auf einem Konzert im Bunker stand eine Gruppe hinter mir, die nicht ein einziges Lied wirklich angehört hat. Weil sie nämlich währenddessen diskutieren mussten, wo es als nächstes hingeht. Und danach. Und danach.

Das ist irgendwie so schade, finde ich und entspricht nicht meiner Vorstellung eines netten Abends. Das kann natürlich jeder für sich entscheiden, wenngleich ich dieses Fließband-Denken auch durchaus respektlos gegenüber den Künstlern finde. Die haben es nämlich verdient, gesehen zu werden. Und zwar wirklich gesehen und wahrgenommen und eben nicht nur einmal kurz fürs Beweisfoto, dass man dort war und dann weiter hetzen.

Bewusster wahrnehmen, statt möglichst viel möglichst schnell mitzukriegen, lautet mein bescheidener Tipp. Ist auch viel entspannter dann.

Wenn die Glocke läutet, höre ich zu sprechen auf, und ich lausche dem vollen Glockenklang. Wenn wir die Glocke hören, können wir innehalten, unser Atmen genießen und Fühlung mit den Wundern aufnehmen…“