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Traumnovelle

Für die Uni musste ich Arthur Schnitzerls Traumnovelle lesen und meinen Leseeindruck formulieren. Da ich das Buch innerhalb eines Nachmittags geradezu verschlungen habe, will ich das hier auch festhalten. Quasi als dringende Leseempfehlung, wenn man so will.

Obwohl Schnitzlers Traumnovelle nur rund 90 Seiten umfasst, ist sie trotzdem eine spannende, facettenreiche Erzählung, die ich kaum aus der Hand zu legen vermochte. Schnitzler formuliert zumeist detailgetreu die Geschehnisse und die inneren Empfindungen der Protagonisten und schafft ein herausragendes Leseerlebnis über die Gebundenheit der Gedanken und Bedürfnisse an eine gewisse Moral (innerhalb der Institution Ehe).

Die beiden Protagonisten, Albertine und Fridolin, führen zu Beginn der Erzählung ein recht harmonisches Eheleben zusammen mit ihrer 6-jährigen Tochter. Die Harmonie gerät ins Wanken, nachdem sie zusammen auf einem Maskenball waren, bei welchem sie mit anderen flirteten. Im Anschluss an diesen Abend erleben sie eine heiße Liebesnacht miteinander. Dieses Erlebnis stürzt beide in eine Krise und der Beginn dieser Krise brachte mich bereits zum Nachdenken über die Vorstellungen von Moral und (Un-)Treue:

Können Fantasien und Träume verwerflich oder unmoralisch sein, solange sie bloße Fiktion bleiben? In Albertines und Fridolins Fall können beide nicht mit den Fantasien des jeweils anderen umgehen und versuchen den Konflikt zu lösen, indem sie sich vornehmen, sich von nun an alles zu erzählen. Der weitere Verlauf ist nicht weiter verwunderlich: Durch das Wissen um die Träume des anderen, wird die Krise nicht besser, sondern verschlimmert sich zusehends.

Besonders Fridolin kann als Ehemann nur kaum verkraften, dass seine Frau erotische Fantasien mit anderen Männern hat und diese Tatsache offen zugibt, wenngleich sie ihm klarmacht, dass sie sich ihm näher fühlt, als je zuvor. Fridolin ist eifersüchtig und gönnt seiner Frau ihre Träume nicht, obwohl er mit den gleichen Empfindungen zu kämpfen hat. Ein typisch männliches Problem, könnte man finden. Auch Fridolins Reaktion auf seine Eifersucht, nämlich der Plan, nun tatsächlich fremd zu gehen um sich an seiner Frau zu rächen ist wohl eine Reaktion verletzter männlicher Eitelkeit.

Der Plan schlägt zwar fehl, aber Fridolin wird Teil eines skurrilen Maskenballs: Ein furioses und groteskes, erotisches Abenteuer. Dieser Abschnitt der Novelle wird von Schnitzler besonders detailgetreu – geradezu detailverliebt – beschrieben, wodurch ich als Leser das Gefühl hatte, Teil der Handlung zu werden. Ich konnte die nächtliche Odyssee nicht nur von außen beobachten, sondern die erotische Spannung des Balls geradezu spüren. Im Vergleich zu den vorigen und nachfolgenden Passagen wurde mir besonders der Unterschied zwischen dem bürgerlichen, spießigen Leben und erotischer Leidenschaft deutlich, welcher vermutlich auch von Schnitzler beabsichtigt war. Auf mich wirkten die Erlebnisse und Geschehnisse der Nacht die ganze Zeit über wie ein Wechselspiel zwischen Traum und Realität, manchmal war nicht deutlich erkennbar, was bloßer Wunsch bleibt, und was real wird. Vermutlich nicht zuletzt untermauert zum einen durch den Titel Traumnovelle sowie durch die Tatsache, dass die Novelle mit einer Gut-Nacht-Geschichte startet und mit einem neuen Morgen beginnt.

„… und daß jede dieser Unverhüllten doch ein Geheimnis blieb und aus den schwarzen Masken als unlöslichste Rätsel große Augen zu ihm herüberstrahlten, das wandelte ihm die unsägliche Lust des Schauens in eine fast unerträgliche Qual des Verlangens.“

 

Das Ende der Novelle, bei welchem sich die Ehepartner von nun an traumlos nah sind, fand ich enttäuschend: Ich erwartete eigentlich eine harte Kritik an der Institution Ehe mit ihren Einschränkungen von Träumen und Wünschen, welche nunmal jeder – auch verheiratete – Mensch hat. Eine Trennung als logische und ehrliche Konsequenz der Krise hätte mir persönlich besser gefallen, da es fraglich bleibt, ob die beiden emotional je wieder zu einem erfüllenden Eheleben zurückkehren können. Das Ende wirkte auf mich jedoch auch wie eine Art Rollentausch, welcher mir gut gefiel: Es scheint als habe Albertine daraus gelernt, dass es manchmal nicht gut ausgeht, wenn man sich alles erzählt und so erwartet sie von ihrem Ehemann ein Schweigen. Vielleicht aus der Gewissheit heraus, dass es sie ohnehin zu sehr verletzen würde, seine Wahrheit zu hören? Alles in allem hätte ich mir einen Ausgang gewünscht, bei welchem die Ehepartner die Bedürfnisse und Fantasien des anderen schlichtweg akzeptieren und trotzdem miteinander zufrieden sind. Jeder ist in seinen Gedanken frei und mit diesem Wissen sollte man auch seinem Partner zumindest diese Freiheit bewahren – Ehe hin oder her!

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