Zutrauen! Traut euch!

Jeden Morgen gegen 7:45 Uhr gleicht die Sackgasse in der ich wohne ein bisschen einer Autobahn. Autos kommen, Türen gehen auf und schlagen wieder zu, Autos entfernen sich. 

Ich habe mir erst immer nichts dabei gedacht aber letztens habe ich mal nachgesehen was da überhaupt los ist. Es sind Grundschüler, die von ihren Eltern abgesetzt werden; hinter meinem Haus ist nämlich eine Grundschule und man kann so einen kleinen Fußweg entlang gehen um dahin zu kommen.

Heute Morgen habe ich mir mal den Spaß gemacht, zu zählen. Ich kam auf 80 Autos, die anhalten, ihr Kind rauslassen und wieder abfahren. Achtzig! Wieviel Kinder mögen wohl auf diese Schule gehen? Und man muss auch bedenken, dass der eigentliche Eingang an einer anderen Straße liegt. Da halten sicher auch noch mal einige Autos.

Ich muss mich nun ein bisschen fragen, was eigentlich mit den Kindern los ist, dass die nicht alleine zur Schule gehen können. Oder was mit den Eltern los ist, die das ihren Kindern offenbar nicht zutrauen. (Von der Belastung für die Umwelt möchte ich hier gar nicht erst anfangen.)

Als ich zur Grundschule ging, wurde ich nämlich nicht hingefahren und wieder abgeholt. Und meine Freunde und Freundinnen, mit denen ich den Schulweg zusammen bestritt, auch nicht. Ich erinnere mich auch noch daran, dass das die ersten Male ganz schön aufregend war. Am Anfang ist nämlich immer noch eine der Mütter mitgegangen, zum Üben quasi, aber dann nach ein paar Wochen sind wir alleine gelaufen. Ich glaube, dass das mein erster wichtiger Schritt in Richtung Selbständigkeit war. Und wie stolz ich war, dass ich das mit meinen Grundschulfreundinnen teilen konnte. Hoch erhobenen Hauptes mit dem schweren Tornister auf dem Rücken der allen Vorbeifahrenden deutlich machte: Jaha! Wir gehen schon in die Schule! Und später manchmal auf dem Rückweg haben wir auch mal gebummelt, obwohl wir das nicht sollten, und haben Schnecken gesammelt. Wir waren die Stolzesten!

Es ist doch irgendwie schade, dass offenbar wenig Kinder diese Erfahrung noch machen dürfen. Oder wohnen die vielleicht alle zu weit entfernt? Ich habe mal nachgesehen, mein Schulweg betrug einen knappen Kilometer, der meiner Freundin circa anderthalb. Die kam immer die Straße entlang bis zu mir und von da sind wir zusammen gegangen. Auch bei Regen übrigens. An der Entfernung kann es also nicht liegen. Oder ist das womöglich der allgemein schlimmere Zeitdruck der Eltern, der sich da schon auf die Kleinen niederschlägt? Damit man mittags früher zuhause ist um noch rechtzeitig zum Trompetenunterricht zu kommen? Oder ist das eine neue Generation Eltern – die Generation Angst – die äußerst vorsichtig jede noch so etwaige Gefahr ausschaltet und den Kindern somit ein Stück ihrer Entwicklung zu einem selbständigen Menschen nimmt?

Traut denen ruhig mal was zu! Die können schon viel mehr alleine, als man so denkt. Und der Schulweg gehört eben dazu, wie ich finde.

Die Kompetenz, die eigenen Wege selbständig und selbstbewusst zu bestreiten ist doch so viel wichtiger, als die Note in Mathe!

Ein Kommentar

  1. Das ist so wahr! Auch ich erinnere mich gut, wie ich in den ersten Wochen, die ich zur Schule ging, bis zur „großen“ Straße gebracht wurde. Die war im Vergleich zum Stadtleben ein Witz, denn ich bin auf dem Land aufgewachsen, wo kaum Verkehr war.Dann ist man den Rest des Weges mutig alleine weiter gegangen.
    Auch bei uns ist eine Grundschule um die Ecke und ich finde es noch absurder, dass auch ältere Kinder jeden Tag von den Eltern ZU FUß zur Schule gebracht werden. Dabei wird dann am besten noch der Ranzen von den Eltern getragen, weil das arme Kind ja so viel zu schleppen hat.
    Mit ein bisschen Üben und Vertrauen schaffen die meisten das bestimmt allein.

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